Seitenleiste · Glossar
Glossar
Die elf Kapitel und ihre Seitenleisten gebrauchen eine Arbeitssprache — Croquignole, Disulfidbrücke, Kaltwelle, Bindungsaufbau —, geschöpft aus drei Jahrtausenden Praxis und einem Jahrhundert Chemie. Diese Seite versammelt diese Begriffe in einem definitorischen Nachschlagewerk, jeder querverlinkt mit dem Kapitel, in dem er ausführlich behandelt wird. Es ist eine Referenz, keine Erzählung: querzulesen, nicht der Länge nach.
Eine Bemerkung zum Gebrauch. Die Begriffe sind so definiert, wie die Kapitel sie verwenden. Wo ein Wort eine präzise chemische Bedeutung hat (Disulfidbrücke, Thioglycolat), ist die Definition streng; wo es eine Handwerkstechnik bezeichnet (Croquignole, Spirale, Marcel), ist die Definition operativ — was der Ausführende tut und welches das Ergebnis ist. Daten, die bestimmten Reagenzien und Verfahren zugeordnet sind, unterliegen denselben Vorbehalten wie in den Herkunftskapiteln: als Faktum feststehend, als Geschichte näherungsweise.
Die Begriffe sind alphabetisch geordnet. Jeder Eintrag bietet eine ein- bis dreisätzige Definition und einen Querverweis auf dasjenige Kapitel oder diejenige Seitenleiste, in welcher der Begriff seine ausführlichste Behandlung erfährt; wo zwei Stellen einen Begriff gleichermaßen behandeln, werden beide angegeben.
Eine Dauerwelle ist am Ende eine chemische Transaktion, vollzogen auf viele verschiedene Weisen. Das Vokabular unten ist die Menge der Namen, welche diese Verfahren erhalten haben.
- Bindungsaufbau / Bindungsverstärker
- Eine Behandlungsklasse, die seit den frühen 2010er Jahren aufkommt (weitgehend verbunden mit der Marke Olaplex ab etwa 2014) und der Reduzieren-Umformen-Reoxidieren-Folge einen dritten Schritt hinzufügt: ein Molekül, das aufgebrochene Disulfidbrücken aufspürt und sie während und nach der Behandlung wieder verknüpft. Indem sie Bindungen wiederherstellen, die der herkömmliche Prozess verlieren würde, mindern sie die kumulative Schädigung und tragen die modernen „Textur"-Dienstleistungen. Siehe Kapitel 11, Die Textur-Renaissance.
- Calamistrum / Kalamistro
- Das antike erhitzte Lockengerät. Die Griechen nannten es kalamistro (καλαμίστρα), die Römer calamistrum — beide Wörter abgeleitet von calamus, dem Schilfrohr, denn das hohle Eisen wurde wie jenes vom Haar umwickelt. In einer Schale oder über Kohlen erhitzt, setzte es eine Locke, die bei der Wäsche wieder verschwand — ganz wie die viktorianische Zange drei Jahrtausende später. Siehe Kapitel 1, Vor der Maschine.
- Croquignole (Croquignole-Wicklung)
- Eine Wicklung, bei welcher das Haar flach, als Band, sectioniert und von seinen freien Enden zur Kopfhaut hin auf einen parallel zum Kopf liegenden Stab gerollt wird — das Gegenteil der Spiralwicklung, die sich längs eines Stabes windet. Die Croquignole erzeugte eine weichere, breitere Welle, bis zur Haarwurzel wickelbar, und erfasste das kurze, Bob-artige Haar, das die Spirale nicht bedienen konnte. Siehe Kapitel 5, Bob und Flachwickeln.
- Digitaldauerwelle (Thermodauerwelle)
- Ein Verfahren, das in Japan und Korea von den späten 1990er und 2000er Jahren entwickelt wurde und die chemische mit der thermischen Linie kreuzt: Das Haar wird zunächst mit einem Thioglycolat- oder säurestämmigen Reagenz reduziert, dann auf Stäbe gewickelt, die selbst erhitzt werden, wobei die Temperatur jedes Stabes durch einen programmierbaren (digitalen) Regler geführt wird. Das Ergebnis ist eine weiche, natürliche, „lebendig gewordene" Locke, die die Wäsche überdauert. Siehe Kapitel 10, Niedergang und Neuerfindung.
- Disulfidbrücke
- Die direkte chemische Querverbindung (S–S) zwischen zwei Schwefelatomen benachbarter Keratinmoleküle im Haarschaft. Stark, kovalent und wasserbeständig, hält sie die Form des Haares durch eine Wäsche hindurch — und ist somit diejenige Bindung, die jede Dauerwelle, ob thermisch oder chemisch, lösen und neu knüpfen muss. Der Mechanismus aus Reduzieren, Umformen und Reoxidieren ist die gesamte Kunst. Siehe die Seitenleiste zur Chemie.
- Flachwickeln
- Siehe Croquignole. Das Flachwickeln ist die Croquignole-Wicklung, wie sie in Mayers REALISTIC-System von 1924 verkörpert ist — flache Sectionierung, ein parallel zur Kopfhaut liegender Stab, Wickeln von den Enden zur Wurzel hin. Die Begriffe werden im Gewerbe gleichbedeutend verwendet; „Flachwickeln" führt die Systembedeutung mit. Siehe Kapitel 5, Bob und Flachwickeln.
- Glycerylmonothioglycolat (GMT)
- Das aktive Reduktionsreagenz der Säuredauerwelle — eine mildere Thioglycolat-Spezies, die nahe der dem Haar eigenen Säure arbeitet (ein niedrigerer pH als die alkalische Kaltwellflüssigkeit), langsamer und schonender am Haar aufträgt. In den 1970er Jahren eingeführt, ist GMT die Chemie, welche die wiederholbare, schonende Dauerwelle der 1980er Jahre möglich machte. Siehe die Seitenleiste zur Chemie; Kapitel 9, Die Säuredauerwelle und der Aufschwung.
- Kaltwelle
- Eine Dauerwelle, die bei Zimmertemperatur allein durch Chemie gesetzt wird — kein elektrischer Strom, kein erhitzter Kronleuchter. Sie kam in zwei Generationen: die Sulfit-Kaltwelle (etwa 1932, langsam und geruchsintensiv) und die Thioglycolat-Kaltwelle (etwa 1940/41, schnell und zuverlässig), jene Chemie, von welcher die moderne Dauerwelle abstammt. Die kriegsbedingte Rationierung von Metall und Strom verdichtete ihre Einführung. Siehe Kapitel 7, Die Kaltwelle und der Krieg.
- Marcel-Welle
- Die knusprige, regelmäßige, horizontale S-Kurve, die Marcel Grateaus erhitztes Welleneisen erzeugte, eingeführt in eine Pariser Kundschaft im Jahr 1872. Durch eine angefeuchtete Haarsträhne in einem einzigen, umkehrenden Zug gezogen, prägte das gebogene Eisen eher eine Falte als dass es lockte — und verlieh Europa seine erste namentlich bezeichnete Locktechnik. Dreißig Jahre lang der Salonstandard und ausdrücklich vorübergehend: Sie wusch sich heraus. Siehe Kapitel 2, Die Marcel-Welle.
- Neutralisationslösung
- Die oxidierende Lösung, die nach der Wellflüssigkeit aufgetragen wird, sobald das Haar gewickelt und geformt ist. Sie entzieht den freien Thiol-(S–H)-Enden, welche der Reduktionsschritt hinterlassen hat, Elektronen und erlaubt so den Schwefelatomen, sich wieder als Disulfidbrücken zu verknüpfen — nun in der Geometrie, welche der Stab aufgeprägt hat. Die neu gebildeten Brücken sind mit den ursprünglichen identisch, weshalb die Welle die Wäsche übersteht. Siehe die Seitenleiste zur Chemie.
- REALISTIC-System
- Josef Mayers praktisches Flachwickelsystem, vorgestellt 1924: flache Sectionierung, eine integrierte Kopfhautschutz-Klammer an jeder Strähnenbasis, kontrollierte Spannung auf einem flach am Kopf liegenden Stab, ein versiegeltes feuchtigkeitshaltendes Säckchen und abschnittsweise Mantelheizung. Es verdichtete eine Ganzkopfbehandlung auf etwa neunzig Minuten und machte die Dauerwelle reproduzierbar, lehrbar und sicher für den Bob. Siehe Kapitel 5, Bob und Flachwickeln.
- Säuredauerwelle
- Die schonendere, niedrig-pH-Dauerwelle, eingeführt in den 1970er Jahren. Ihr Wirkstoff ist Glycerylmonothioglycolat (GMT), eine mildere Reduktions-Spezies, die näher an der dem Haar eigenen Säure arbeitet als die alkalische Kaltwellflüssigkeit, langsamer und oft unter milder Hitze verarbeitet. Sie trug das Gewerbe durch den Aufschwung der 1970er und 1980er Jahre. Siehe Kapitel 9, Die Säuredauerwelle und der Aufschwung; die Seitenleiste zur Chemie.
- Spiralwicklung
- Die Wicklung der Nessler-Zeit: Eine lange Strähne, in einer durchgehenden Spirale längs eines Stabes gewickelt, der von der Kopfhaut absteht, sodass der Stab wie ein Kern durch die Locke läuft. Die Spirale erzeugte eine enge Sprunglocke und verlangte langes Haar, das sich winden ließ — weshalb der Bob der Nachkriegszeit sie und jede um sie herum konstruierte Maschine über Nacht obsolet machte. Siehe Kapitel 3, Die erste Dauerwelle.
- Thioglycolat
- Das Reduktionsreagenz der gewerblichen Kaltwelle — meist eine alkalische Lösung von Ammoniumthioglycolat. Es löst die Disulfidbrücken weit wirksamer als die früheren Sulfitlaugen, bei handhabbarer Geschwindigkeit und einem hohen pH (etwa 9–10). Um 1940/41 eingeführt, ist es die Chemie, von welcher die moderne Kaltwell-Dauerwelle abstammt. (Durch die Neutralisationslösung neu geknüpft.) Siehe die Seitenleiste zur Chemie; Kapitel 7.
Quellen & weiterführende Literatur
- Robbins, C. R., Chemical and Physical Behavior of Human Hair (5. Aufl., Springer) — das Standardwerk hinter den chemischen Einträgen (Disulfidbrücke, Thioglycolat, GMT, Neutralisationslösung); der hier dargelegte Mechanismus aus Reduzieren, Umformen und Reoxidieren ruht auf dieser etablierten kosmetologischen Wissenschaft.
- Die Herkunftskapitel — Kap. 1, Kap. 2, Kap. 3, Kap. 5, Kap. 7, Kap. 9, Kap. 10, Kap. 11 —, von denen jedes seinen verlinkten Begriff in voller erzählerischer Tiefe behandelt, mit eigenen datierten Quellen und Vorbehalten.
- Die querschnittenden Seitenleisten — die Seitenleiste zur Chemie (Disulfidbrücke, Thioglycolat, GMT, Neutralisationslösung, Bindungsaufbau), die Seitenleiste zu den Maschinen (Spiral- und Croquignole-Heizgeräte) und Patente & Recht (das Croquignole-Patentportfolio) — für die Apparate und die Rechtsstreitigkeiten hinter den Gewerbebegriffen.
- Wisconsin 101 / Wisconsin Historical Society, Object History: Permanent Wave Machine (Objekt Nr. 1980.131.1) — bestätigt unabhängig die Unterscheidung zwischen Spiral- und Croquignole-Wicklung und die Rolle der Croquignole bei der Praxisreife der Dauerwelle für kürzere Frisuren.
Umfang. Ein definitorisches Nachschlagewerk für die Begriffe, die in der Kulturgeschichte der Dauerwelle gebraucht werden — versammelt statt durch die Kapitel gefädelt. Jeder Eintrag ist querverlinkt mit demjenigen Kapitel oder derjenigen Seitenleiste, in welcher der Begriff seine ausführlichste Behandlung erfährt; die Kapitelübersicht reiht diese Kapitel folgend, der Zeitstrahl stellt sie in die Zeit. Zur naturwissenschaftlichen Grundlage der chemischen Einträge siehe die Seitenleiste zur Chemie; zu den Apparaten hinter den Wickelbegriffen die Seitenleiste zu den Maschinen.